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„Vertrauen schaffen – Vertrauen wagen“

17.05.2010

 Vertrauen schaffen – Vertrauen wagen

– Herausforderung für die Religionen

Ein Manifest

 

A. Belastetes Vertrauen – gewagtes Vertrauen

 

1. Das Bild der Religionen in der Öffentlichkeit ist davon bestimmt, dass sie eher als Konfliktverursacher denn als Konfliktlöser wahrgenommen werden. So bringen etwa Schlagworte den Islam mit Terrorismus in Verbindung. Umgekehrt wird in islamisch geprägten Ländern das Christentum häufig mit dem „dekadenten Westen“ identifiziert. Aber auch bei anderen Religionen werden radikale Erscheinungen auf die Religion als ganze übertragen („militanter Hinduismus“ in Indien, national-fanatischer Buddhismus in Sri Lanka). Da religiöse Motive in vielen Konflikten weltweit eine Rolle spielen, gibt es eine Tendenz zu Pauschalbildern. Initiativen der Religionsgemeinschaften zur Vermeidung und Beilegung von Konflikten, zur Überwindung von Spannungen  und zur Versöhnung werden zu wenig wahrgenommen.

2. Im Hintergrund stehen geschichtliche Belastungen, die tief verwurzelt sind: So spielen etwa Kreuzzüge und Kolonialismus einerseits, die jahrhundertlange Bedrohung des Abendlandes durch die Expansion muslimischer Großmächte („Türken vor Wien“) andererseits untergründig in der Berichterstattung immer noch eine Rolle.

3. Die in Deutschland neu entstandene kulturelle und religiöse Pluralität – wesentlich hervorgerufen durch Migrationen, aber auch durch ein weltanschauungsmäßig vielfältiges Angebot – erzeugt eher Ängste als den Mut, sich auf Neues einzulassen: auf der Seite der Mehrheitsgesellschaft die Angst vor Überfremdung, bei den Minderheiten die Angst vor Identitätsverlust durch Anpassung an Lebensstil und Wertevorstellungen der Mehrheit. Ansprüche der Minderheiten werden häufig als Anmaßung gesehen, geforderte „Bringleistungen“ auf Seiten der Minderheiten als Ausdruck einer arroganten Haltung in der Mehrheitsgesellschaft. Die Ängste und Vorbehalte werden nicht selten politisch instrumentalisiert, besonders von extremen Parteiungen, die aus den Ängsten und Vorbehalten für sich Kapital schlagen wollen.

4. Die Religionsgemeinschaften in Deutschland müssen sich neuen Fragen stellen: Die christlichen Kirchen sind besonders vom demographischen Wandel betroffen, die jüdischen Gemeinden werden durch die Zuwanderung aus dem Osten gefordert und haben eine große Integrationsaufgabe wahrzunehmen. Die muslimischen Religionsgemeinschaften sind gefordert, einerseits ihre Organisationsstrukturen dem Staatskirchenrecht anzupassen und an der Einführung des islamischen Religionsunterrichts gestaltend mitzuwirken, andererseits der generellen öffentlichen Skepsis gegenüber Islam und Muslimen entgegenzutreten. Buddhisten und Baha’i werden im öffentlichen Bewusstsein wenig wahrgenommen, wenn es nicht um singuläre Erscheinungen wie den Dalai Lama geht. Alle Religionsgemeinschaften haben sich angesichts einer verbreiteten Säkularität neu zu orientieren und auch mit nicht religiös orientierten humanistischen Gruppierungen zum gemeinsamen Wohl zusammenzuarbeiten.

5. Es gibt durchaus bereits eine Bewegung gewagten Vertrauens: Interreligiöse Arbeit wird in vielen Initiativgruppen in den Kommunen – z.B. in bi- und multireligiösen Arbeitskreisen, an Runden Tischen der Religionen, in Gruppen der Bewegung Religionen für den Frieden („Religions for Peace“) – betrieben. Nicht selten öffnen Synagogen, Kirchen und Moscheen bewusst ihre Türen für interreligiöse Begegnung und Zusammenarbeit. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die Christlich-Islamischen Gesellschaften, die Abrahamischen Foren wirken auf regionaler Ebene, der Runde Tisch der Religionen auf Bundesebene. Projekte wie „Lade deinen Nachbarn ein“ und „Weißt du, wer ich bin?“, getragen von jüdischen, christlichen  und muslimischen Dachverbänden finden deutschlandweites Echo. Auf europäischer Ebene wirkt der European Council of Religious Leaders (ECRL), in weltweitem Maßstab formiert sich ein von Religions for Peace initiierter Weltrat der Religionen, der sich auch bei internationalen Konflikten zu Wort meldet. Diese Beispiele zeigen, dass es eine Vielfalt der Verständigungsbemühungen  gibt, die so vor einer Generation noch in weiter Ferne schienen.

Im Bereich der Bildung finden sich schulisch viel versprechende Ansätze interreligiöser Zusammenarbeit, etwa in der kooperativen Erstellung von Lehrplänen, Schulbüchern und der Lehrerausbildung. Erwachsenenbildung und vereinzelt auch Jugendarbeit widmen sich oft nicht nur interkulturellen und interreligiösen Themen, sondern regen auch „Lernen durch die Begegnung“ an.

Ein besonders mutiger vertrauensbildender Schritt auf internationaler Ebene war der Brief der 138 führenden muslimischen Persönlichkeiten an die führenden Persönlichkeiten der Christenheit, auf der Basis gemeinsamer religiöser und ethischer Überzeugung (das Doppelgebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten als gemeinsamer Auftrag von Judentum, Christentum und Islam) neue Formen der Zusammenarbeit zu wagen. Er hat im Vatikan wie beim Ökumenischen Rat der Kirchen ein positives Echo hervorgerufen und neue Dialoge entstehen lassen und wird jetzt auch durch neue Verständigungsbemühungen zwischen Muslimen und Juden begleitet.

6. Freilich: Im „Breitenbewusstsein“ sind diese Initiativen noch zu wenig angekommen. Fremdheit, Nichtwissen, einseitige, fehlerhafte Informationen, falsche Vorstellungen, auch eine fundamentalistische Abwertung des Glaubens der anderen sind längst nicht überwunden. In sozialen Brennpunktgebieten lassen sich die Kulturdifferenzen leicht für fanatische Anschauungen und gewaltsame Handlungen aufladen. Dabei ist zu bedenken, dass die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Konstellationen immer mit ins Auge gefasst werden müssen, da sie oft die primären Ursachen von Konflikten sind, die aber durch nationalistische, rassistische und eben auch religiös-fanatische Propaganda erheblich verschärft werden können.

7. Das gewagte Vertrauen auf eine breite Basis zu stellen, ist das Erfordernis der Stunde. Alle Religionsgemeinschaften sind dabei herausgefordert zu einer neuen Ehrlichkeit im Dialog, zur Bereitschaft, auch kritische Fragen zu hören und sich selbstkritisch zu prüfen. Überlegenheitsgehabe, Besserwisserei, der Vergleich des eigenen Ideals mit der schlechten Praxis der anderen müssen ein Ende haben. Wir lehnen eine Missionierung und ein Abwerben ab, die den Religionswechsel durch Gewalt oder Manipulation erreichen wollen.

8. Es gibt dringende Zukunftsaufgaben, die das gemeinsame Handeln der Religionen herausfordern: in der Bewahrung der Lebensgrundlagen, in der Arbeit am Frieden und der Überwindung  von Gewalt, im Einsatz für Gerechtigkeit und Solidarität. „Tun, was verbindet“ sollte zum Motto des Zusammenlebens der Religionen werden.

Für jede der im folgenden benannten Aufgaben bedarf es Formen und Strukturen konkreter Zusammenarbeit mit entsprechenden qualifizierten und gleichzeitig praxisnahen Gremien.

B. Schritte, die verbinden

1. Wir setzen uns dafür ein, die Konfliktgeschichte zwischen den Religionen aufzuarbeiten! Zu leicht werden die Verletzungen der Vergangenheit missbraucht, um in einseitiger Sichtweise die Stimmung gegeneinander zu mobilisieren. Die Erinnerungen etwa, die mit „Türken vor Wien“ einerseits, mit Kreuzzügen und Kolonialismus andererseits verknüpft werden, spielen untergründig im Bewusstsein Europas und des Orients immer noch eine unheilvolle Rolle. Die Schoa mit ihren schrecklichen Verbrechen darf nicht verdrängt werden. Die guten Ansätze, die es zu Bewusstseinsbildung und Verbesserungen hierzu in der Bildungsarbeit gibt – internationale und interreligiöse Schulbuchkommissionen, Lehrplanrevisionen, Verbesserung in der Lehramtsausbildung… – sind in gemeinsamer interkultureller Arbeit zu verstärken und zu vertiefen. Außerdem wäre auch eine Versöhnungs- und Kooperationsgeschichte sichtbar zu machen: Fast alle großen Impulse zu Friedensbewegungen im 20. Jahrhundert sind von religiös-spirituell geprägten Menschen wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Schalom Ben-Chorin und Prinz Hassan bin Talal von Jordanien inspiriert worden.   

2. Wir setzen uns für die Lern- und Entfaltungsmöglichkeiten junger Menschen ein, für Strukturen, in denen Kinder Liebe, Geborgenheit und Schutz erfahren können als Basis für ein verantwortliches Leben. Alle Bemühungen, Familien in ihrer Verantwortung zu entlasten und zu stärken, Kindergärten und Schulen zunehmend als „Lebensräume“ zu gestalten, sind ebenso zu fördern wie auch interreligiöses Lernen, das zu fundierter wechselseitiger Kenntnis, zum authentischen Wahrnehmen und Begegnen mit verschiedenen Religionen und Kulturen führt.

3. Wir sind Anwälte für den Schutz von Minderheiten. Das Bewusstsein, dass verschiedene religiöse und ethnische Gruppen Reichtum bedeuten, ist noch viel zu wenig entwickelt. Die Einschränkung ihrer Entfaltungsmöglichkeiten, insbesondere der bei uns lebenden Ausländer, macht das gesamte Leben in unserer Gesellschaft ärmer. Unsere Religionen gebieten, was Grundgesetz und Menschenrechte fordern: Schützt die Schwächeren und die Fremden!

4. Wir sagen uns gegenseitig, wo wir uns mit unseren Überzeugungen und Lebensformen angegriffen und verletzt fühlen. Wir brauchen eine Sprachkultur, die im Hinblick auf die Empfindungen und Werte der anderen von Aufrichtigkeit und Sensibilität geprägt ist. Das schließt die Aufdeckung der Strategien zur Abwertung anderer und die Demaskierung extremistischer Organisationen und ihrer Agitation ein.

5. Wir bestehen darauf, dass die Menschenrechte nicht verhandelbar, sondern allgemeine und verbindliche Basis des Zusammenlebens sind. Besonders für das Recht auf Religions-, Glaubens- und Gewissensfreiheit müssen die Religionen ein eindeutiges Zeugnis abgeben. Das schließt ein, sich für die aus Glaubensgründen Verfolgten und Benachteiligten einzusetzen, besonders auch für Verfolgte und Benachteiligte aus den jeweils anderen Religionen.

6. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, die natürlichen Lebensgrundlagen in unserem Land und auf unserer ganzen Welt zu pflegen. Dass jeder Teil dieser Erde bewahrungswürdig ist, gehört zu den spirituellen Grundlagen der Religionen. Wir haben die Aufgabe, der Gedankenlosigkeit und Rücksichtslosigkeit im Umgang mit Tieren und Pflanzen, mit Luft und Wasser entgegen zu treten. In die nötigen weltweiten Koalitionen zur Bewältigung des Klimawandels müssen wir uns aktiv einbringen. Wir wollen Zeichen setzen gegen maßlosen Konsum, gegen energie-ausbeuterische Verkehrsformen, gegen Machbarkeits­wahn und unbegrenztes Wachstum. Wir wollen aber auch Zeichen setzen gegen die Vergiftung des Geistes und der Sitten durch Sexis­mus in den Medien und durch Gewaltvideos.

7. Wir setzen uns dafür ein, dass religiöse Empfindungen und Gefühle geachtet und gewürdigt werden. Gerade weil sie zu den emotional besonders tief verankerten Überzeugungen gehören, dürfen sie nicht verächtlich gemacht und in den Schmutz gezogen werden, auch wenn Kritik an den Religionen zum selbstverständlichen Recht in einer demokratischen Gesellschaft gehört.

8. Wir stellen uns den Herausforderungen der Globalisierung im Zusammenwirken aller gesellschaftlichen Kräfte. Wirtschaftliches Wachstum bedarf neben der ökonomischen einer sozialen und ökologischen Perspektive Gerade aus religiös-ethischer Sicht darf die bloße Gewinnmaximierung nicht zur Letztinstanz werden, sondern das Kriterium muss sein, wie den Schwächsten und Benachteiligten Gerechtigkeit widerfahren kann.

9. Wir müssen gemeinsam Medienverantwortung wahrnehmen! Zu vertrauensbildenden Maßnahmen gehört, sich gegenseitig öffentlich in Schutz zu nehmen. Denkbar wäre eine interreligiöse Sprechergruppe, die sich in aktuellen Fällen  – besonders, wo Pauschalverdächtigungen verbreitet werden – deutlich zu Wort melden kann, nicht um Kontroversen einzuebnen, wohl aber um Diffamierungen und Unterstellungen wirksam zu begegnen.

10. Wir wollen uns gegenseitig die nötigen Lebens- und Wirkungsräume gewähren, aber auch einem fruchtbaren, segensreichen Zusammenleben und –arbeiten die Basis geben.

Köln, 12. November 2009                                                                              

 

Der Runde Tisch der Religionen in Deutschland

„Vertrauen schaffen – Vertrauen wagen“

17. Mai 2010

 Vertrauen schaffen – Vertrauen wagen

– Herausforderung für die Religionen

Ein Manifest

 

A. Belastetes Vertrauen – gewagtes Vertrauen

 

1. Das Bild der Religionen in der Öffentlichkeit ist davon bestimmt, dass sie eher als Konfliktverursacher denn als Konfliktlöser wahrgenommen werden. So bringen etwa Schlagworte den Islam mit Terrorismus in Verbindung. Umgekehrt wird in islamisch geprägten Ländern das Christentum häufig mit dem „dekadenten Westen“ identifiziert. Aber auch bei anderen Religionen werden radikale Erscheinungen auf die Religion als ganze übertragen („militanter Hinduismus“ in Indien, national-fanatischer Buddhismus in Sri Lanka). Da religiöse Motive in vielen Konflikten weltweit eine Rolle spielen, gibt es eine Tendenz zu Pauschalbildern. Initiativen der Religionsgemeinschaften zur Vermeidung und Beilegung von Konflikten, zur Überwindung von Spannungen  und zur Versöhnung werden zu wenig wahrgenommen.

2. Im Hintergrund stehen geschichtliche Belastungen, die tief verwurzelt sind: So spielen etwa Kreuzzüge und Kolonialismus einerseits, die jahrhundertlange Bedrohung des Abendlandes durch die Expansion muslimischer Großmächte („Türken vor Wien“) andererseits untergründig in der Berichterstattung immer noch eine Rolle.

3. Die in Deutschland neu entstandene kulturelle und religiöse Pluralität – wesentlich hervorgerufen durch Migrationen, aber auch durch ein weltanschauungsmäßig vielfältiges Angebot – erzeugt eher Ängste als den Mut, sich auf Neues einzulassen: auf der Seite der Mehrheitsgesellschaft die Angst vor Überfremdung, bei den Minderheiten die Angst vor Identitätsverlust durch Anpassung an Lebensstil und Wertevorstellungen der Mehrheit. Ansprüche der Minderheiten werden häufig als Anmaßung gesehen, geforderte „Bringleistungen“ auf Seiten der Minderheiten als Ausdruck einer arroganten Haltung in der Mehrheitsgesellschaft. Die Ängste und Vorbehalte werden nicht selten politisch instrumentalisiert, besonders von extremen Parteiungen, die aus den Ängsten und Vorbehalten für sich Kapital schlagen wollen.

4. Die Religionsgemeinschaften in Deutschland müssen sich neuen Fragen stellen: Die christlichen Kirchen sind besonders vom demographischen Wandel betroffen, die jüdischen Gemeinden werden durch die Zuwanderung aus dem Osten gefordert und haben eine große Integrationsaufgabe wahrzunehmen. Die muslimischen Religionsgemeinschaften sind gefordert, einerseits ihre Organisationsstrukturen dem Staatskirchenrecht anzupassen und an der Einführung des islamischen Religionsunterrichts gestaltend mitzuwirken, andererseits der generellen öffentlichen Skepsis gegenüber Islam und Muslimen entgegenzutreten. Buddhisten und Baha’i werden im öffentlichen Bewusstsein wenig wahrgenommen, wenn es nicht um singuläre Erscheinungen wie den Dalai Lama geht. Alle Religionsgemeinschaften haben sich angesichts einer verbreiteten Säkularität neu zu orientieren und auch mit nicht religiös orientierten humanistischen Gruppierungen zum gemeinsamen Wohl zusammenzuarbeiten.

5. Es gibt durchaus bereits eine Bewegung gewagten Vertrauens: Interreligiöse Arbeit wird in vielen Initiativgruppen in den Kommunen – z.B. in bi- und multireligiösen Arbeitskreisen, an Runden Tischen der Religionen, in Gruppen der Bewegung Religionen für den Frieden („Religions for Peace“) – betrieben. Nicht selten öffnen Synagogen, Kirchen und Moscheen bewusst ihre Türen für interreligiöse Begegnung und Zusammenarbeit. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die Christlich-Islamischen Gesellschaften, die Abrahamischen Foren wirken auf regionaler Ebene, der Runde Tisch der Religionen auf Bundesebene. Projekte wie „Lade deinen Nachbarn ein“ und „Weißt du, wer ich bin?“, getragen von jüdischen, christlichen  und muslimischen Dachverbänden finden deutschlandweites Echo. Auf europäischer Ebene wirkt der European Council of Religious Leaders (ECRL), in weltweitem Maßstab formiert sich ein von Religions for Peace initiierter Weltrat der Religionen, der sich auch bei internationalen Konflikten zu Wort meldet. Diese Beispiele zeigen, dass es eine Vielfalt der Verständigungsbemühungen  gibt, die so vor einer Generation noch in weiter Ferne schienen.

Im Bereich der Bildung finden sich schulisch viel versprechende Ansätze interreligiöser Zusammenarbeit, etwa in der kooperativen Erstellung von Lehrplänen, Schulbüchern und der Lehrerausbildung. Erwachsenenbildung und vereinzelt auch Jugendarbeit widmen sich oft nicht nur interkulturellen und interreligiösen Themen, sondern regen auch „Lernen durch die Begegnung“ an.

Ein besonders mutiger vertrauensbildender Schritt auf internationaler Ebene war der Brief der 138 führenden muslimischen Persönlichkeiten an die führenden Persönlichkeiten der Christenheit, auf der Basis gemeinsamer religiöser und ethischer Überzeugung (das Doppelgebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten als gemeinsamer Auftrag von Judentum, Christentum und Islam) neue Formen der Zusammenarbeit zu wagen. Er hat im Vatikan wie beim Ökumenischen Rat der Kirchen ein positives Echo hervorgerufen und neue Dialoge entstehen lassen und wird jetzt auch durch neue Verständigungsbemühungen zwischen Muslimen und Juden begleitet.

6. Freilich: Im „Breitenbewusstsein“ sind diese Initiativen noch zu wenig angekommen. Fremdheit, Nichtwissen, einseitige, fehlerhafte Informationen, falsche Vorstellungen, auch eine fundamentalistische Abwertung des Glaubens der anderen sind längst nicht überwunden. In sozialen Brennpunktgebieten lassen sich die Kulturdifferenzen leicht für fanatische Anschauungen und gewaltsame Handlungen aufladen. Dabei ist zu bedenken, dass die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Konstellationen immer mit ins Auge gefasst werden müssen, da sie oft die primären Ursachen von Konflikten sind, die aber durch nationalistische, rassistische und eben auch religiös-fanatische Propaganda erheblich verschärft werden können.

7. Das gewagte Vertrauen auf eine breite Basis zu stellen, ist das Erfordernis der Stunde. Alle Religionsgemeinschaften sind dabei herausgefordert zu einer neuen Ehrlichkeit im Dialog, zur Bereitschaft, auch kritische Fragen zu hören und sich selbstkritisch zu prüfen. Überlegenheitsgehabe, Besserwisserei, der Vergleich des eigenen Ideals mit der schlechten Praxis der anderen müssen ein Ende haben. Wir lehnen eine Missionierung und ein Abwerben ab, die den Religionswechsel durch Gewalt oder Manipulation erreichen wollen.

8. Es gibt dringende Zukunftsaufgaben, die das gemeinsame Handeln der Religionen herausfordern: in der Bewahrung der Lebensgrundlagen, in der Arbeit am Frieden und der Überwindung  von Gewalt, im Einsatz für Gerechtigkeit und Solidarität. „Tun, was verbindet“ sollte zum Motto des Zusammenlebens der Religionen werden.

Für jede der im folgenden benannten Aufgaben bedarf es Formen und Strukturen konkreter Zusammenarbeit mit entsprechenden qualifizierten und gleichzeitig praxisnahen Gremien.

B. Schritte, die verbinden

1. Wir setzen uns dafür ein, die Konfliktgeschichte zwischen den Religionen aufzuarbeiten! Zu leicht werden die Verletzungen der Vergangenheit missbraucht, um in einseitiger Sichtweise die Stimmung gegeneinander zu mobilisieren. Die Erinnerungen etwa, die mit „Türken vor Wien“ einerseits, mit Kreuzzügen und Kolonialismus andererseits verknüpft werden, spielen untergründig im Bewusstsein Europas und des Orients immer noch eine unheilvolle Rolle. Die Schoa mit ihren schrecklichen Verbrechen darf nicht verdrängt werden. Die guten Ansätze, die es zu Bewusstseinsbildung und Verbesserungen hierzu in der Bildungsarbeit gibt – internationale und interreligiöse Schulbuchkommissionen, Lehrplanrevisionen, Verbesserung in der Lehramtsausbildung… – sind in gemeinsamer interkultureller Arbeit zu verstärken und zu vertiefen. Außerdem wäre auch eine Versöhnungs- und Kooperationsgeschichte sichtbar zu machen: Fast alle großen Impulse zu Friedensbewegungen im 20. Jahrhundert sind von religiös-spirituell geprägten Menschen wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Schalom Ben-Chorin und Prinz Hassan bin Talal von Jordanien inspiriert worden.   

2. Wir setzen uns für die Lern- und Entfaltungsmöglichkeiten junger Menschen ein, für Strukturen, in denen Kinder Liebe, Geborgenheit und Schutz erfahren können als Basis für ein verantwortliches Leben. Alle Bemühungen, Familien in ihrer Verantwortung zu entlasten und zu stärken, Kindergärten und Schulen zunehmend als „Lebensräume“ zu gestalten, sind ebenso zu fördern wie auch interreligiöses Lernen, das zu fundierter wechselseitiger Kenntnis, zum authentischen Wahrnehmen und Begegnen mit verschiedenen Religionen und Kulturen führt.

3. Wir sind Anwälte für den Schutz von Minderheiten. Das Bewusstsein, dass verschiedene religiöse und ethnische Gruppen Reichtum bedeuten, ist noch viel zu wenig entwickelt. Die Einschränkung ihrer Entfaltungsmöglichkeiten, insbesondere der bei uns lebenden Ausländer, macht das gesamte Leben in unserer Gesellschaft ärmer. Unsere Religionen gebieten, was Grundgesetz und Menschenrechte fordern: Schützt die Schwächeren und die Fremden!

4. Wir sagen uns gegenseitig, wo wir uns mit unseren Überzeugungen und Lebensformen angegriffen und verletzt fühlen. Wir brauchen eine Sprachkultur, die im Hinblick auf die Empfindungen und Werte der anderen von Aufrichtigkeit und Sensibilität geprägt ist. Das schließt die Aufdeckung der Strategien zur Abwertung anderer und die Demaskierung extremistischer Organisationen und ihrer Agitation ein.

5. Wir bestehen darauf, dass die Menschenrechte nicht verhandelbar, sondern allgemeine und verbindliche Basis des Zusammenlebens sind. Besonders für das Recht auf Religions-, Glaubens- und Gewissensfreiheit müssen die Religionen ein eindeutiges Zeugnis abgeben. Das schließt ein, sich für die aus Glaubensgründen Verfolgten und Benachteiligten einzusetzen, besonders auch für Verfolgte und Benachteiligte aus den jeweils anderen Religionen.

6. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, die natürlichen Lebensgrundlagen in unserem Land und auf unserer ganzen Welt zu pflegen. Dass jeder Teil dieser Erde bewahrungswürdig ist, gehört zu den spirituellen Grundlagen der Religionen. Wir haben die Aufgabe, der Gedankenlosigkeit und Rücksichtslosigkeit im Umgang mit Tieren und Pflanzen, mit Luft und Wasser entgegen zu treten. In die nötigen weltweiten Koalitionen zur Bewältigung des Klimawandels müssen wir uns aktiv einbringen. Wir wollen Zeichen setzen gegen maßlosen Konsum, gegen energie-ausbeuterische Verkehrsformen, gegen Machbarkeits­wahn und unbegrenztes Wachstum. Wir wollen aber auch Zeichen setzen gegen die Vergiftung des Geistes und der Sitten durch Sexis­mus in den Medien und durch Gewaltvideos.

7. Wir setzen uns dafür ein, dass religiöse Empfindungen und Gefühle geachtet und gewürdigt werden. Gerade weil sie zu den emotional besonders tief verankerten Überzeugungen gehören, dürfen sie nicht verächtlich gemacht und in den Schmutz gezogen werden, auch wenn Kritik an den Religionen zum selbstverständlichen Recht in einer demokratischen Gesellschaft gehört.

8. Wir stellen uns den Herausforderungen der Globalisierung im Zusammenwirken aller gesellschaftlichen Kräfte. Wirtschaftliches Wachstum bedarf neben der ökonomischen einer sozialen und ökologischen Perspektive Gerade aus religiös-ethischer Sicht darf die bloße Gewinnmaximierung nicht zur Letztinstanz werden, sondern das Kriterium muss sein, wie den Schwächsten und Benachteiligten Gerechtigkeit widerfahren kann.

9. Wir müssen gemeinsam Medienverantwortung wahrnehmen! Zu vertrauensbildenden Maßnahmen gehört, sich gegenseitig öffentlich in Schutz zu nehmen. Denkbar wäre eine interreligiöse Sprechergruppe, die sich in aktuellen Fällen  – besonders, wo Pauschalverdächtigungen verbreitet werden – deutlich zu Wort melden kann, nicht um Kontroversen einzuebnen, wohl aber um Diffamierungen und Unterstellungen wirksam zu begegnen.

10. Wir wollen uns gegenseitig die nötigen Lebens- und Wirkungsräume gewähren, aber auch einem fruchtbaren, segensreichen Zusammenleben und –arbeiten die Basis geben.

Köln, 12. November 2009                                                                              

 

Der Runde Tisch der Religionen in Deutschland